von Hermina Deiana
Ich sehe etwas, das du nicht siehst
Wir schauen auf dieselben Dinge und sehen doch etwas völlig anderes. Wir erleben dasselbe Ereignis, kosten dieselbe Tomatensauce, begegnen demselben Menschen und gehen mit vollkommen unterschiedlichen Eindrücken nach Hause. Warum begeistert ein Produkt, ein Film, ein Buch, ein Event den einen, während der andere gähnt, abwinkt oder es gar zerreißt? Gibt es so etwas wie wahre Neutralität überhaupt? Oder sind wir „infiziert“, geprägt von unserer persönlichen Vita, unseren Erfahrungen, unseren Überzeugungen und Verletzungen? Wem glauben wir? Den Lautesten? Den Erfolgreichen? Was auch immer erfolgreich bedeutet…OMG ist das alles komplex 😉 Denjenigen mit Reichweite, mit Meinungen, mit Prognosen, die es wissen müssten? Was ist echt und wer oder was ist Fake? Viele dieser Sätze wurden mir in Form von „objektiver Beratung“ um die Ohren gehauen: „Ein Online-Shop mit nur zwei Tomatensaucen? Wird niemals funktionieren.“ „Mild und pikant reichen nicht. Der Kunde will Auswahl.“ „Wenn Verlage dein Buch nicht wollen, dann lass es, sie kennen den Markt.“ Glaubt ja nicht, dass sich dieser negative Input, nur auf mein aktuelles Business beschränkt. Meine Jahre als Marketing Manager und Unternehmensberaterin boten bedeutend mehr Angriffsfläche. Und trotzdem habe ich es damals wie heute versucht, wenn ich überzeugt war. Klar, der Grat zwischen Mut und Übermut kann sehr schmal sein. Aber wenn die Mischung aus Erfahrung und Intuition ein Kribbeln im Bauch auslöst, vergleichbar mit Schmetterlingen im Bauch, dann nehme ich dieses Signal ernst. Im Job und im Leben. Weil es mir gefällt. Weil ich es will! Doch wie groß ist unsere Fähigkeit, uns wirklich unvoreingenommen auf Neues einzulassen? Nicht alles kann man alleine umsetzen, wir brauchen Menschen im Leben, die wie es Antoine de Saint- Exupéry sagte, gemeinsam mit uns in die gleiche Richtung schauen. Wie groß ist unsere Bereitschaft, an andere und anderes zu glauben, auch wenn wir sie (noch) nicht verstehen oder sie uns nicht verstehen? Und wenn wir etwas nicht verstehen, was völlig legitim ist, sind wir neugierig genug zu fragen? Oder wenden wir uns ab, weil Konfrontation anstrengend ist? Ist es unser Charakter, der uns offen oder verschlossen macht? Oder sind es die Prägungen unseres Lebens, die wir entweder als unsichtbaren Reichtum oder Ballast mit uns herumtragen? Was blockiert uns und was beflügelt uns? Wir müssen nicht … …alles verstehen. Aber wir können zuzuhören und reflektieren. …nicht alles mögen, aber akzeptieren und respektieren. Das ist Vielfalt. …nicht sofort urteilen, sondern einfach mal kosten (nicht nur im Falle von Tomatensauce 😉) und den eigenen Horizont erweitern. Denn manchmal sieht oder erkennt jemand etwas, das wir (noch) nicht sehen. Sogar an uns selbst. Ist genau das vielleicht der Anfang von Entwicklung? Oder von Genuss? Aber mit Sicherheit von Nähe und Menschlichkeit. Ein liebevolles Adieu an ein unvergessliches 2025 und ein beschwingtes Willkommen an 2026!