Eigentlich wollte ich doch nur Tomatensauce herstellen

Eigentlich wollte ich doch nur Tomatensauce herstellen

Wie Wut zu einem meiner besten Lehrer wurde.

Zwei Tomatensaucen, ein Kochbuch und einen schönen Onlineshop. So schwer kann das doch nicht sein, dachte ich.

Heute muss ich über diesen Gedanken schmunzeln.

Denn hinter zwei Tomatensaucen steckt fast derselbe Apparat wie hinter fünfzig Produkten. Ein Onlineshop. Eine Warenwirtschaft. Versand. Rechnungen. Apps. Schnittstellen. Suchmaschinenoptimierung. Newsletter. Zahlungsanbieter. Buchhaltung. Produktdaten. Automatisierungen. Rechtliches.

Und irgendwo dazwischen eine Unternehmerin, die eigentlich nur das italienische Original einer Tomatensauce herstellen wollte.

Mamma Mia! Das Leben ist oft viel komplexer, als es von außen erscheint.


Wie konnte ich mich so täuschen?

In den vergangenen Monaten war ich oft frustriert. Mein neuer Shop war nicht so geworden, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich hatte Menschen beauftragt, die sich Experten nannten. Manche waren es. Manche waren überzeugt, es zu sein. Manche konnten hervorragend reden.

Und ja, es gab auch Menschen, die mehr versprochen als geliefert haben. Vielleicht haben sie sich selbst überschätzt. Vielleicht haben sie bewusst Erwartungen geweckt, die sie nicht erfüllen konnten. Beides kommt vor.

Ich war wütend. Nicht nur auf andere. Auch auf mich.

Wie konnte ich mich täuschen?

Die Antwort war überraschend einfach.

Weil ich die Materie nicht gut genug verstand.

Wie hätte ich beurteilen sollen, ob etwas wirklich gut gemacht war? Wie hätte ich einschätzen können, welcher Aufwand hinter einer Lösung steckt? Wie hätte ich unterscheiden können zwischen echter Erfahrung und gutem Marketing?

Mir wurde klar: Je weniger wir von einem Thema verstehen, desto leichter lassen wir uns von großen Worten beeindrucken.


Ich erinnere mich an Neapel

Mit neunzehn Jahren saß ich 1984 in Neapel beim Mittagessen. (Und nein – das hat nichts mit Orwell zu tun.) Ich probierte eine Tomatensauce, wie ich sie nie zuvor gekostet hatte.

Zum ersten Mal verstand ich, wie Tomatensauce schmecken kann. Vorher wusste ich gar nicht, dass so ein Geschmack überhaupt existiert. 

Man vermisst nichts, von dessen Existenz man nichts weiß.

Vielleicht gilt das nicht nur für Tomatensauce. Vielleicht gilt es für das ganze Leben.

 

Wie wollen wir die Arbeit eines Handwerkers beurteilen, wenn wir nie selbst ein Werkzeug in der Hand hatten?

Wie wollen wir einen Softwareentwickler einschätzen, wenn wir beim Anblick von Code nur Hieroglyphen sehen?

Wie wollen wir wissen, ob ein Preis gerechtfertigt ist, wenn wir die Geschichte dahinter nicht kennen?

Viele Menschen denken beim Preis eines Glases Tomatensauce zuerst an die Tomaten.

Ich inzwischen nicht mehr. 

Ich denke an das Glas. An den Deckel. An das Etikett. An den Karton. An den Transport.

An die Energie. An die Produktion. An die Logistik.

Und manchmal denke ich schmunzelnd:

Warum bekommen eigentlich nicht die kleinen Hersteller die besseren Preise?

Das wäre doch viel fairer.

Die Realität funktioniert jedoch anders. Wer Millionen Gläser kauft, erhält bessere Konditionen als jemand, der einmal im Jahr eine kleine Menge produziert.

 

Es reicht.

Seit diesem Sommer denke ich über viele Dinge anders. 

Irgendwann saß ich vor meinem Computer und dachte: Ich mach da nicht mehr mit.

Ich möchte nicht länger von Menschen abhängig sein, nur weil es Dinge gibt, die ich nicht verstehe. 

Nicht weil ich plötzlich alles selbst machen möchte. Sondern weil ich endlich einschätzen möchte, ob das was sie mir erzählen so stimmen kann. Wie zum Beispiel, wenn ich eine Änderung an meinem Shop möchte, weil ich überzeugt bin, dass es für meine Kunden besser wäre und als Antwort bekomme: das geht nicht. 

Eigentlich habe ich mein ganzes Leben nach dem Motto "Geht nicht, gibt's nicht" gelebt. Wenn sich eine spannende Herausforderung ergeben hat, habe ich meistens Ja gesagt. Und gelernt was ich noch nicht konnte.

Ganz nach dem wunderbaren Gedanken von Richard Branson: Wenn sich eine gute Gelegenheit bietet und du noch nicht weißt, wie sie funktioniert, dann sag Ja und lerne unterwegs. 

Warum sollte das mit einundsechzig plötzlich anders sein?

Nur weil ich älter werde, höre ich doch nicht auf, mich weiterzuentwickeln.

Also begann ich die letzten Wochen zu lernen. Ich habe meine Wut, auf jemand, in Energie verwandelt. Ich tauchte ab. Ich las. Ich schaute YouTube-Videos. Ich fragte KI Löcher in den Bauch. Ich wollte wissen, ob mein Bauchgefühl mich trügt oder ob ich mit meiner Einschätzung falsch liege. 

Manchmal öffnete ich Seiten voller Codes, die für mich aussehen wie Hieroglyphen und bei deren Anblick ich kurz vor Schreck aufhöre zu atmen. Ich atmete einmal tief durch. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen.

Und ich mache weiter. Ich frage. Ich probiere. Ja, manchmal fluche ich auch. Ich frage noch einmal. Ich fange von vorne an.

Und plötzlich verstehe ich etwas, das gestern noch völlig unmöglich schien. 

 

Theoretisches Wissen ist nicht Erfahrung

Wissen war noch nie so leicht zugänglich wie heute. Aber genau darin liegt auch eine Gefahr.

Wir lesen. Wir schauen Tutorials. Wir fragen KI.

Und manchmal glauben wir schon nach wenigen Stunden, ein Thema verstanden zu haben.

Wenn es doch nur so einfach wäre.

Echtes Verstehen beginnt oft erst dort, wo Theorie auf Erfahrung trifft. Erst wenn wir selbst handeln. Wenn wir Fehler machen. Wenn wir scheitern. Wenn wir noch einmal von vorne beginnen.

Während einer Fußball-WM gibt es plötzlich Millionen Bundestrainer, die nie selbst auf einem Fußballplatz standen. Vom Sofa aus wissen wir genau, wer hätte eingewechselt werden müssen und welcher Spielzug der richtige gewesen wäre.

Im Berufsleben ist es oft nicht anders. Von außen wirkt vieles erstaunlich einfach. Bis wir es selbst versuchen. Dann trennt sich die Spreu vom Weizen. Plötzlich können wir viel besser einschätzen. Unsere Leistung. Und die der anderen. 


Meine Perlen

Das Schönste an diesem Lernprozess ist aber etwas ganz anderes. Früher dachte ich, Lernen würde mich kritischer machen.

Heute weiß ich: Es hat mich vor allem dankbarer gemacht. Dankbar für die Menschen, die ihr Handwerk wirklich beherrschen. Ich nenne sie meine Perlen.

Sie leuchten in einem vielerorts undurchsichtigen Dickicht aus Halbwissen, Selbstüberschätzung und großen Versprechen.

Sie müssen sich nicht in den Mittelpunkt stellen. Sie beeindrucken nicht mit Fachbegriffen. Sie beeindrucken mit ihrer Arbeit. Mit ihrer Erfahrung. Mit ihrer Ehrlichkeit.

Oft sind es genau die Menschen, die ganz selbstverständlich sagen:

"Das weiß ich im Moment nicht. Ich schaue nach."

Je mehr ich selbst lerne, desto leichter erkenne ich diese Perlen. Und desto dankbarer bin ich, dass sie meinen Weg kreuzen.

 

Lernen schenkt Freiheit

Heute weiß ich: Lernen bedeutet nicht, alles selbst machen zu müssen. Lernen bedeutet Freiheit. Die Freiheit, bessere Fragen zu stellen. Die Freiheit, Angebote besser einschätzen zu können.

Die Freiheit, Qualität zu erkennen. Die Freiheit, bewusster zu entscheiden, wem ich vertraue.

Und vielleicht ist genau das das größte Geschenk des Lernens. Mit jedem Schritt wächst nicht nur unser Wissen. Mit jedem Schritt wächst auch unser Respekt.

Vor Menschen. Vor ihrer Arbeit. Vor ihrer Erfahrung.

Und vor einer Welt, die viel komplexer ist, als sie auf den ersten Blick erscheint.

 

 

 

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