Wohin ich meine Salsa Paradiso auch schickte, wo immer ich sie zum Probieren anbot, die Reaktion war fast immer dieselbe: Begeisterung.
Ich jubelte innerlich, war doch die Skepsis schon in meinem eigenen Umfeld nicht gerade klein, als ich anfing, meine Tomatensauce zu entwickeln.
Tomatensauce? Davon gibt es doch schon Hunderte. Warum nichts Neues, Innovatives?
„Ach, Herminchen, die Menschen in Deutschland werden den Unterschied doch niemals schmecken.“ Vergebene Liebesmüh.
Ich sah das anders. Denn ich wusste genau, welchen Unterschied ich meinte.
Ich hatte den Unterschied mit 19 in Neapel geschmeckt
Damals probierte ich zum ersten Mal eine Tomatensauce, wie ich sie bis dahin nicht kannte. Gekocht aus sonnengereiften Tomaten während der Saison. Ein Geschmack, der mich vollends begeisterte und den ich nie vergessen habe.
Und ich erinnere mich bis heute an die Antwort der kichernden neapolitanischen Tanten auf meine Frage nach dem Rezept:
„Hermina, ihr habt doch gar nicht die Tomaten in Deutschland.“
Sie hatten recht.
Ich lernte von ihnen, dass eine gute Tomatensauce nicht mit einem raffinierten Rezept beginnt, sondern mit der Qualität und Saison der Tomaten.
Deshalb wollte ich Salsa Paradiso nach der Tradition italienischer Familien nur einmal im Jahr kochen: während der Ernte, aus frischen, sonnengereiften Tomaten. Dann, wenn sie genau so schmecken wie damals, 1984 in bella Napoli.
Von wegen, sie schmecken den Unterschied nicht!
Entgegen aller gut gemeinten Warnungen: Die Menschen schmeckten den Unterschied.
Bei meinen ersten Verkostungen in Supermärkten war ich wahrscheinlich die glücklichste Frau auf Erden. Menschen probierten meine Sauce. Anfangs beobachtete ich noch angespannt ihre Gesichter.
Dann kam dieses:
„Oh! Die ist aber gut.“
Ich hätte jedes Mal jubeln können.
Später schickte ich Salsa Paradiso an Journalisten. Wieder Begeisterung. Es entstanden wunderbare Veröffentlichungen. Mit der Zeit hatten immer mehr Menschen meine Saucen probiert.
Und dann kam der Tag, der mich bis ins Mark traf.
„Unseren Köchen haben Ihre Saucen nicht geschmeckt.“
Ein großer Verlag interessierte sich für Salsa Paradiso und bat um Produktmuster. Natürlich freute ich mich riesig. Happy schickte ich die Saucen nach Hamburg.
Und wartete. Nichts. Wartete weiter. Nichts.
Ich hakte nach, versuchte jemanden zu erreichen und bekam schließlich die zuständige Redakteurin ans Telefon. Sie erklärte mir, dass der Verlag eine eigene Küche habe. Dort würden Köche Produkte verkosten und beurteilen.
Und dann sagte sie:
„Unseren Köchen haben Ihre Saucen nicht geschmeckt.“
Warum? Was genau hatte ihnen nicht gefallen? Was hatten sie beanstandet?
Ich hätte es wirklich gerne gewusst.
Aber die Redakteurin war kurz angebunden. Die Köche hatten entschieden. Punkt.
Und dann kamen mir die Tränen.
Ich war einfach abgebügelt worden. Keine Erklärung. Nichts.
So behandelt man Menschen nicht!
Wozu tat ich mir das überhaupt alles an? Ja, in solchen Momenten kommen Zweifel. Auch mit über 50. Auch nach einer großartigen beruflichen Karriere.
Ich hatte doch einen tollen Beruf. Welcher Teufel hatte mich eigentlich geritten, mich auf solch ein Abenteuer einzulassen? Die ganze Bandbreite der Enttäuschung und der verletzten Gefühle brach wie eine Lawine über mich herein.
Nachdem ich meine Tränen getrocknet hatte, änderte sich meine Gefühlslage.
Wut machte sich breit.
Wer sind diese Köche eigentlich?
Welche Ausbildung haben die Köche, denen meine Tomatensauce nicht schmeckt?
Wo haben sie gearbeitet?
Wie viel Erfahrung haben sie?
Was wissen sie über italienische Küche?
Haben sie schon einmal in Italien bei Freunden oder in einer Familie zu Hause gegessen?
Kennen sie eine Tomatensauce, die während der Saison aus wirklich sonnengereiften Tomaten gekocht wurde?
Woher wollen sie wissen, wie eine echte Tomatensauce in Italien schmeckt?
Vielleicht war ich in meiner Wut überheblich. Egal. In jenem Moment half es mir. Und nur darauf kam es an.
Ich erinnerte mich wieder an die Tanten in Neapel:
„Hermina, ihr habt doch gar nicht die Tomaten in Deutschland.“
Ich wusste genau, wofür ich das alles getan hatte und welchen Geschmack ich gesucht hatte. Und ich hatte all die Menschen vor Augen, die bei inzwischen über 100 Verkostungen begeistert waren und meine Saucen kauften.
Und vor allem: Wenn wir schon über Köche sprechen, es gab bereits jemanden, dessen fachliches Urteil für mich Gewicht hatte.
Carmelo Greco
Carmelo Greco steht seit Jahrzehnten für italienische Spitzenküche in Deutschland. Seit über 30 Jahren ist seine Küche mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet, und sein Anspruch an Produkte und Handwerk ist kompromisslos.
Wir kennen und mögen uns. Natürlich hatte ich ihm zu Beginn meine Saucen gebracht und ihn um sein Urteil gebeten. Er liebte sie. So sehr, dass er sich sogar ohne Honorar als Testimonial für Salsa Paradiso zur Verfügung stellte und zustimmte, sich mit meinen Saucen fotografieren zu lassen.
Ein großartiger und großzügiger Mensch.
Und nun sollte irgendein mir unbekannter Koch in einer Verlagsküche sagen:
Schmeckt nicht.
Nein. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.
Jetzt wollte ich es ganz genau wissen.
Was machen wir mit einer Niederlage?
Wir dürfen weinen.
Wir dürfen wütend sein.
Wir dürfen zweifeln.
Und wir dürfen auch Trost annehmen.
Ich hätte mindestens zehn Menschen anrufen können, von denen ich ziemlich genau wusste, was sie sagen würden. Ich hörte förmlich ihre Stimmen:
„Ach Herminchen, hör doch nicht darauf, deine Sauce ist großartig.“
Natürlich ist das lieb gemeint. Und manchmal tut es verdammt gut, so etwas zu hören.
Aber ich wollte keine Menschen suchen, die mir sagten, was ich hören wollte.
Meine Wut hatte inzwischen etwas viel Produktiveres ausgelöst:
Energie. Positive Energie. Und Mut.
Wenn ein vermeintlich professionelles negatives Urteil über mein Produkt im Raum stand, dann wollte ich ein noch professionelleres Urteil.
Von Menschen, die höchste Qualität Tag für Tag leben und lieben. Menschen, die seit Jahrzehnten mit hervorragenden Lebensmitteln arbeiten. Die Rohstoffe beurteilen können. Verarbeitung. Balance. Geschmack. Handwerk.
Menschen, bei denen ich nicht erst fragen musste, welche Expertise hinter ihrem Urteil stand.
Wen könnte ich fragen?
Franz Keller
Franz Keller gehört zu den prägenden deutschen Köchen seiner Generation. Er lernte unter anderem bei Paul Bocuse und Michel Guérard, kochte auf höchstem Niveau und widmete sich später ganz bewusst einer Küche, in deren Mittelpunkt hervorragende Lebensmittel, Landwirtschaft und der Respekt vor dem Produkt stehen. Als Koch, Landwirt und Autor vertritt er diese Haltung seit Jahrzehnten.
Ich schrieb ihn an.
Vielleicht fiel mir das auch deshalb nicht besonders schwer, weil ich in meinem Berufsleben eine Erfahrung immer wieder gemacht hatte:
Je erfolgreicher und anerkannter Menschen wirklich waren, desto bodenständiger und nahbarer habe ich sie häufig erlebt.
Ich habe im Marketing und in der PR mit vielen prominenten Menschen gearbeitet. Und erstaunlich oft waren gerade diejenigen, die ganz oben angekommen waren, unkompliziert, freundlich und zugänglich. Zu einigen habe ich bis heute Kontakt.
Vielleicht müssen Menschen, die wirklich etwas erreicht haben, niemandem mehr beweisen, wie wichtig sie sind.
So war es auch mit Franz.
Er antwortete prompt. Super freundlich.
„Komm doch zu unserem Grill-Event auf den Falkenhof und bring deine Saucen mit. Ich probiere sie gerne.“
Natürlich fuhr ich hin. Ich übergab ihm meine Salsa Paradiso. Franz Keller ist kein Mann großer Worte.
Während des Grill-Events verschwand er immer mal wieder in seiner offenen Küche. Irgendwann kam er zurück und sagte fast beiläufig:
„Ich habe schon ein Cassoulet mit deinen Saucen aufgesetzt. Sie sind sehr gut.“
Ich musste mich ziemlich zusammenreißen, um ihn nicht spontan zu umarmen. Später überraschte er mich noch mit einem für ihn ganz typischen Facebook-Post mit Salsa Paradiso.

Sehr gut.
Carmelo Greco.
Franz Keller.
Und dann dachte ich: Jetzt fehlt eigentlich nur noch einer.
Juan Amador
Juan Amador gehört seit Jahrzehnten zur absoluten Spitze der deutschsprachigen Gastronomie. In den 2000er-Jahren gehörte er zu den Vorreitern der avantgardistischen Molekularküche in Deutschland und machte sein Restaurant Amador in Langen bei Frankfurt zu einer der spannendsten kulinarischen Adressen des Landes. Später führte ihn sein Weg nach Wien, wo sein Restaurant 2019 als erstes in Österreich mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde.
Ich kannte ihn nicht persönlich.
Aber was hatte ich zu verlieren?
Also schrieb ich ihn an. Ob ich ihm meine Saucen schicken dürfe. Ich würde sehr gerne seine Meinung dazu hören.
Auch er antwortete zeitnah.
Ja, gerne ins Restaurant schicken. Das war's. Keine Umstände. Keine Allüren.
Wieder eine dieser Begegnungen, die mich an etwas erinnerte, das ich in meinem Berufsleben so häufig erlebt hatte:
Wirkliche Größe muss sich nicht wichtig machen.
Ich schickte Salsa Paradiso nach Wien. Ein paar Wochen später hakte ich nach.
Hast du meine Tomatensaucen probiert? Wie haben sie dir geschmeckt?
Seine Antwort:
Ja, Danke! Sehr, sehr gut!!!!
Ich lächelte. Zweimal "sehr" und fünf Ausrufezeichen.
Ja, ich gebe es zu: Ich war voller Genugtuung.

Frag nicht zehn Menschen. Frag die Richtigen.
Wir sind ständig von Meinungen umgeben.
Jeder kann bewerten.
Jeder kann kommentieren.
Jeder kann sagen:
„Gefällt mir.“
„Gefällt mir nicht.“
„Schmeckt mir.“
„Schmeckt mir nicht.“
Fragt euch immer, worauf ein Urteil beruht.
Auf Erfahrung?
Auf Wissen?
Auf Vergleichsmöglichkeiten?
Auf einem über Jahre geschulten Maßstab?
Oder auf persönlichem Geschmack und vielleicht ein bisschen Halbwissen?
Das bedeutet nicht, dass Experten unfehlbar sind. Natürlich sind sie das nicht.
Und es bedeutet auch nicht, dass man nur Menschen mit Michelin-Sternen zuhören sollte.
Aber:
Wenn ich etwas gelernt habe, dann dass wenn etwas für mich wirklich wichtig ist, ich sehr genau überlege, wessen Urteil ich ernst nehme.
Ich brauche dann keine zehn beliebigen Meinungen. Ich suche Menschen, die das, worüber sie urteilen, Tag für Tag leben und lieben.
Natürlich gehört dazu manchmal Mut.
Ich war von meiner Salsa Paradiso überzeugt. Trotzdem hatte ich Respekt davor, Franz Keller und Juan Amador zu fragen. Nicht, weil ich plötzlich nicht mehr an mein Produkt glaubte. Sondern weil ich wusste:
Ihre Antworten haben Gewicht.
Sie hätten auch sagen können:
Hermina, da stimmt etwas nicht.
Ihnen hätte ich zugehört. Sehr genau sogar. Ich hätte gerne gelernt.
Und dann habe ich noch etwas verstanden
Natürlich glaubte ich an meine Saucen.
Aber wir können noch so überzeugt von dem sein, was wir tun, wir sind nicht gefeit vor Zweifeln. Schon gar nicht in Momenten, in denen wir verletzt oder zurückgewiesen werden.
Haben Franz Keller und Juan Amador mit ihrem Urteil etwas an meinen Saucen verändert?
Nein.
Aber sie haben etwas in mir verändert.
Sie haben mir Mut und Zuversicht geschenkt. Genau in einem Moment, in dem ich beides gut gebrauchen konnte. Und vielleicht berührt mich das heute sogar mehr als ihre fachliche Einschätzung.
Denn das ist kein Business. Das ist Menschlichkeit.
Franz Keller hätte meine Nachricht ignorieren können. Juan Amador auch.
Ich war für beide eine Fremde. Eine Frau mit ein paar Gläsern Tomatensauce und der Bitte: Probiert sie und sagt mir ehrlich, was ihr davon haltet.
Sie hatten nichts davon, mir zu antworten. Und trotzdem taten sie es.
Unkompliziert. Freundlich. Ohne Allüren. Sie nahmen sich Zeit.
Und ohne es vermutlich zu wissen, gaben sie damit einem Menschen Mut, der ihn in diesem Moment gerade brauchte.
Wenn wir einem Menschen Mut und Zuversicht schenken können, dann sollten wir es tun.
Manchmal genügt dafür eine Antwort.
Eine kleine Geste.
Ein paar ehrliche Worte.
Wir wissen schließlich nie, in welchem Moment sie jemanden erreichen.
Franz und Juan haben damals einfach einer Fremden geantwortet.
Für sie war es vielleicht eine Kleinigkeit. Für mich war es viel mehr.
Türen, die ich vorher gar nicht gesehen hatte
Und heute sehe ich noch etwas, das ich damals unmöglich sehen konnte. Hätte der Verlag meine Saucen begeistert aufgenommen, hätte ich Franz Keller jemals angeschrieben?
Wahrscheinlich nicht.
Hätte ich Juan Amador gefragt, ob ich ihm meine Saucen schicken darf?
Ich wäre vermutlich gar nicht auf die Idee gekommen.
Warum auch? Es lief doch gut.
Menschen mochten meine Saucen. Journalisten berichteten darüber. Carmelo Greco stand längst hinter Salsa Paradiso.
Erst diese Niederlage brachte mich dazu, Türen zu öffnen, die ich vorher gar nicht gesehen hatte.
Natürlich möchte niemand eine Niederlage erleben. Ich hätte auf die Tränen, die Zweifel und dieses Gefühl, einfach abgefertigt worden zu sein, sehr gerne verzichtet.
Aber manchmal zwingt uns ausgerechnet ein Nein dazu, uns umzusehen.
Nachzufragen. Zu hinterfragen. Zu handeln.
Und plötzlich entdecken wir Menschen, Möglichkeiten und Wege, nach denen wir ohne dieses Nein niemals gesucht hätten.
Aus meiner Verletzung wurde Wut.
Aus der Wut wurde Energie.
Aus der Energie wurde Mut.
Und dieser Mut führte mich zu zwei Menschen, die mir wiederum neuen Mut schenkten.
Vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieser Geschichte
Und wenn wir selbst irgendwann hinter einer solchen Tür stehen und einem anderen Menschen Mut und Zuversicht schenken können:
Dann sollten wir sie öffnen.
Danke, dass du meinen Beitrag gelesen hast
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