Leider habe ich die Tomatensauce nicht erfunden

Leider habe ich die Tomatensauce nicht erfunden

Immer wieder wurde ich gefragt, wie ich auf die Idee kam, ausgerechnet Tomatensauce herzustellen. Schließlich gibt es davon bereits unzählige.

Meine Antwort war immer dieselbe:

Mein Ziel war nicht, ein innovatives Lebensmittel zu kreieren.

Viel mehr wollte ich dieses wertvolle italienisches Kulturgut bewahren.

Eine Sauce, wie sie seit Generationen in italienischen Familien hergestellt wird und die Verwirklichung meiner Vision, dieses Original in den deutschen Handel zu bringen.

Mir ging es um diesen einzigartigen Geschmack, der sich eben nur so erzielen lässt: sonnengereifte Tomaten einmal im Jahr während der Ernte einzukochen und als Vorrat bis zur nächsten Saison haltbar zu machen.

Hätte es diese Sauce zu kaufen gegeben, hätte ich sie gekauft und wäre nie auf die Idee gekommen, sie selbst zu produzieren.

Muss eigentlich immer alles neu sein?

In Unternehmen wird entwickelt, optimiert, neu gedacht. Neue Produkte, neue Rezepturen, neue Sorten, neue Geschmacksrichtungen. Nicht selten wird unter großem Druck und mit sehr hohem Budget entwickelt, weil man vermutet, Verbraucher ließen sich nur mit einer großen Auswahl und ständig neuen Produkten als Kunden halten.

Auch ich komme aus dem Marketing. Ich kenne diese Welt nur zu gut.

Und ich liebe Innovationen. Als neugierige Frau würde ich mich sogar als riesigen Fan von Innovationen bezeichnen.

Aber es gibt viele Produkte, die seit jeher so gut sind, dass ich mich frage, warum wir nicht mindestens genauso viel Engagement in ihre Erhaltung stecken.

Ich bewundere diese Menschen – ich nenne sie liebevoll Spinner –, die sich gegen den aktuellen Zeitgeist auflehnen und perfekte traditionelle Qualität liefern.

Ein Bäcker, der nicht auf Convenience setzt, sondern gutes Sauerteigbrot noch selbst backt. Da braucht es Handwerk und Zeit und keine Neuerfindung.

Eine gute Pasta aus Hartweizen, aus Gragnano zum Beispiel, braucht ebenfalls keine Neuerfindung. Sie braucht Menschen, die beste Zutaten, viel Zeit und Liebe in ihre Herstellung investieren.

Ein richtig gutes Olivenöl auch nicht.

In meiner Nachbarschaft lebt ein Paar, das in Kroatien Olivenbäume besitzt und gerade einmal 300 Liter Öl pro Jahr herstellt, ursprünglich für sich, die Familie und Freunde. Inzwischen bieten sie einen Teil davon auch zum Verkauf an. Klar: solange der Vorrat reicht. Aber was für ein Duft und was für ein herrlicher Geschmack!

Oder ein ehemaliger griechischer Profifußballer, der seit dem Ende seiner Karriere feinstes Olivenöl in Griechenland produziert.

Was willst du an sehr gut besser machen?

Manchmal besteht die bessere Idee darin, etwas, das über Generationen funktioniert hat, nicht zu verändern.

Wenn die Aprikosen reif waren...

Vielleicht beschäftigt mich dieser Gedanke auch deshalb so sehr, weil ich noch zu einer Generation gehöre, die mit einer anderen Erfahrung mit Lebensmitteln aufgewachsen ist.

Als Kind lebte ich in unserem beschaulichen Oberursel am Waldrand. Himbeeren und Brombeeren waren für mich nicht Früchte, die man in Plastikschalen kaufte. Wir gingen in die Büsche und pflückten sie.

Ich war besonders ehrgeizig und wollte natürlich auch jene Beeren pflücken, die weit oben oder ganz hinten wuchsen. Sie lachten mich förmlich an. Von Dornen zerkratzte Arme und Beine hielten mich nicht ab. Die Schüssel musste voll werden.

Zu Hause wurden die Früchte mit Eis oder Joghurt gegessen.

Und ich erinnere mich an einen riesigen Aprikosenbaum bei unseren Nachbarn in Zagreb, der Stadt in der ich geboren bin, bis zu meinem 5. Lebensjahr lebte und die ich jährlich mindestens einmal besuchte.

Wenn die Aprikosen reif waren, dann mussten sie gepflückt werden. Der Baum fragte nicht, ob wir gerade Zeit hatten. Er wartete auch nicht darauf, dass jemand Lust auf Aprikosen bekam.

Die Aprikosen mussten geerntet werden. Und danach begann die eigentliche Arbeit.

Es wurde eingekocht, Marmelade gemacht, Kompott gekocht und verarbeitet, was dieser Baum in unglaublicher Menge hervorbrachte. Wochenlang, denn zunächst waren jene Früchte reif, die am meisten Sonne abbekommen hatten.

Ich sehe die liebe Ksenija, unsere Nachbarin, heute noch vor mir.

Was als Spaß und Freude begann, entwickelte sich manchmal zum Albtraum, und irgendwann konnte niemand mehr Aprikosen sehen. Ksenija fluchte, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam und es direkt mit Pflücken und Einkochen weiterging.

„Hol die Nachbarn und lass sie Aprikosen nehmen, so viele sie möchten!“, schrie sie eines Tages ihre Schwester an.

Und so wurde es wieder lustig. Plötzlich waren wir viele, die gemeinsam pflückten, und zwischendurch wurde auch mal ein Schnaps oder Marillenlikör getrunken. Ich war in den Ferien dort und half mit.

Heute denke ich: Was für eine Alltagsintelligenz.

Man nahm das, was die Natur in diesem Moment im Überfluss schenkte, und machte daraus einen Vorrat für die Zeit, in der es dieses Lebensmittel nicht gab.

Vorrat war kein Lifestyle

Auch das Einkochen von Ajvar war ein jährliches Ritual.

In Jugoslawien und bis heute in Kroatien und anderen Ländern des Balkans beginnt im Herbst die Zeit, in der rote Spitzpaprika zu Ajvar verarbeitet oder in Essig-Öl-Marinade eingelegt wird. Das war und ist keine kulinarische Mode.

Niemand sprach von Meal Prep, Food Trends oder nachhaltigem Lifestyle.

Man machte Vorräte, weil Früchte und Gemüse Saison hatten. Weil man wusste, wann etwas am besten schmeckte. Und weil es vollkommen logisch war, diesen Geschmack für später zu bewahren.

Diese Lebensart begegnete mir viele Jahre später in Italien wieder.

Neapel, 1984

Ich war 19 Jahre alt, als ich zum ersten Mal in die Welt der Familie meines damaligen Freundes und späteren Mannes in Neapel eintauchte.

Dort lernte ich eine Küche kennen und lieben, die mich bis heute geprägt hat. Und dort begegnete mir auch diese Tomatensauce zum ersten Mal.

In Jugoslawien, beziehungsweise später Kroatien, spielte zumindest in meiner Familie das Einkochen von Tomaten keine prägende Rolle. Bei uns wurde eher Paprika verarbeitet.

In Neapel lernte ich eine andere Tradition kennen.

Während der Tomatenernte wurden reife Tomaten eingekocht und für das Jahr haltbar gemacht. Keine komplizierte Pastasauce mit unzähligen Kräutern und viel Knoblauch. Sondern eine einfache Tomatensauce, bei der die Tomate selbst im Mittelpunkt stand.

Ich erinnere mich noch an dieses Essen

Es gab Pasta al pomodoro, Ragù napoletano und Parmigiana di Melanzane.

Drei vollkommen unterschiedliche Gerichte.

Und doch war jedes mit derselben eingekochten Tomatensauce zubereitet und schmeckte völlig anders. Nie hätte ich vermutet, dass allen drei Gerichten dieselbe Sauce zugrunde lag.

Diese unglaubliche Anpassungsfähigkeit einer einfachen Tomatensauce an ganz unterschiedliche Lebensmittel und Gerichte faszinierte mich.

Sie war kein fertiges Gericht, sondern eher ein Chamäleon, das sich immer wieder anpasste und neu erfand. Man konnte sie pur verwenden, ergänzen, verändern und an das jeweilige Gericht anpassen.

Genau diese Vielseitigkeit liebe ich bis heute.

Bewahren statt erfinden

Mehr als drei Jahrzehnte später begann ich, Salsa Paradiso herzustellen. Nicht, weil die Welt dringend noch eine Tomatensauce brauchte. Und schon gar nicht, weil ich glaubte, die Tomatensauce neu erfinden zu können. Im Gegenteil.

Ich wollte möglichst wenig erfinden. Ich wollte den Geschmack bewahren, den ich kennengelernt hatte und vor allem die unverwechselbare Art der Zubereitung.

Die Tomate bestimmt den Zeitpunkt.

Wenn die Tomaten reif sind, werden sie geerntet. Dann werden sie verarbeitet. Dann wird der Geschmack dieses kurzen Moments konserviert. Und daraus entsteht der Vorrat bis zur nächsten Ernte.

Natürlich produzieren wir heute unter vollkommen anderen Bedingungen als Familien, die früher gemeinsam im Freien ihre Tomaten eingekocht haben. Lebensmittelproduktion braucht Standards, Hygiene, Kontrollen, professionelle Abläufe und verlässliche Prozesse.

Aber die Idee dahinter ist unverändert geblieben.

Tradition und Innovation Hand in Hand

Ich liebe Innovationen. Gerade im Lebensmittelbereich gibt es großartige Entwicklungen: ressourcenschonendere Verpackungen, neue Möglichkeiten der Haltbarmachung, Technologien, die Lebensmittelverschwendung reduzieren, oder Verfahren, die eine nachhaltigere Produktion ermöglichen.

Aber vielleicht sollten wir mindestens genauso viel Energie in eine andere Frage investieren:

Wie können wir traditionelles Handwerk so professionalisieren, dass es wirtschaftlich bestehen kann, ohne seinen Charakter zu verlieren?

Denn genau darin liegt häufig die Schwierigkeit.

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Ein hervorragendes Sauerteigbrot in kleinen Mengen zu backen, ein außergewöhnliches Olivenöl von wenigen hundert Bäumen herzustellen oder während einer kurzen Erntesaison aus vollreifen Früchten einen Jahresvorrat zu produzieren, ist das eine.

Daraus ein wirtschaftlich tragfähiges Unternehmen zu machen, das verlässlich liefern, gesetzliche Anforderungen erfüllen, Handelspartner bedienen und trotzdem bezahlbar bleiben kann, ist etwas völlig anderes.

Vielleicht stehen genau deshalb viele dieser Lebensmittelperlen nicht in den Regalen großer Supermärkte.

Nicht jede traditionelle Herstellung lässt sich beliebig skalieren. Und nicht jede Leidenschaft verträgt die Masse und Standardisierung, die ein großer Markt verlangt.

Die eigentliche Innovation kann deshalb manchmal darin bestehen, größer zu werden, ohne das Gute dabei kleiner zu machen.

Vielleicht liegt die Innovation ganz woanders

Ich habe als moderne Frau und vor allem als Marketingexpertin ein ziemlich traditionelles Unternehmen gegründet. Zwei Tomatensaucen. Einmal im Jahr produziert. Seit Jahren konsequent dieselbe Grundidee.

Aus klassischer Marketingsicht klingt das kontraproduktiv, ja beinahe absurd. Aber vielleicht kann Innovation auch darin bestehen, einen guten alten Gedanken so in die Gegenwart zu holen, dass er wieder in unser heutiges Leben passt.

Nicht jeder hat einen Garten. Nicht jeder hat Zeit und Lust, Ende August kiloweise Tomaten einzukochen. Ich freue mich, diese Arbeit für viele Haushalte übernehmen zu dürfen.

Und vermutlich möchte auch nicht jeder irgendwann wie Ksenija vor einem Berg Aprikosen stehen und fluchen. Aber wir können trotzdem von dieser alten Alltagsintelligenz profitieren.

Wir können Lebensmittel wieder stärker danach betrachten, wann sie gut sind, statt nur danach, wann wir sie haben möchten. Und wir können bewahren, was bereits seit Generationen hervorragend funktioniert.

In wenigen Tagen beginnt es wieder

Während ich diesen Text schreibe, stehen wir kurz vor unserer Jahresproduktion. Bald fahre ich wieder nach Italien. Auf den Feldern reifen die Tomaten.

Und wie jedes Jahr können wir planen, organisieren und vorbereiten, aber einen entscheidenden Punkt können wir nicht bestimmen:

Wann die Tomate soweit ist. Das entscheidet sie selbst.

Wenn es soweit ist, beginnt die Ernte. Und dann entsteht innerhalb weniger Tage unser Vorrat für das kommende Jahr. Genau wie damals. Vielleicht ist das der Grund, warum ich nach all den Jahren noch immer so viel Respekt vor diesem Produkt habe.

Ich habe die Tomatensauce nicht erfunden.

Leider.

Manche Dinge sind bereits gut, wie sie sind. Unsere Aufgabe ist es, sie nicht zu vergessen.

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